Humanmedizin Medizinische Universität Graz

Studium fertig - ein Résumé

Benjamin, 30.06.2021

Humanmedizin

Bewertung des Autors
1.5 / 5
  • Studieninhalte 1.0 / 5.0
  • Lehrveranstaltung 1.0 / 5.0
  • Dozenten 2.0 / 5.0
  • Organisation 1.0 / 5.0
  • Ausstattung 1.0 / 5.0
  • Campusleben 3.0 / 5.0
Ich bin nun am Ende meines Medizinstudiums an der Med Uni Graz angelangt und möchte mir daher die Zeit nehmen, euch einen umfassenden Einblick in das Studium zu geben. Natürlich kann ich nur meinen persönlichen Erfahrungen oder die meiner Kommilitonen einfließen lassen, versuche aber so objektiv wie möglich zu sein. Kurz zu meinem Werdegang: Ich habe das Studium in Regelzeit abgeschlossen mit einem guten Notenschnitt, habe an Erasmus teilgenommen, viel im Ausland famuliert/KPJ gemacht und am Unispital in Graz neben meinem Studium gearbeitet. Ich kann also sagen, dass ich viele Möglichkeiten meines Studiums an der Med Uni Graz genutzt habe. Wie man bereits an meiner Punktevergabe sieht, war ich nicht sehr zufrieden mit dem Studium, was aber nicht bedeutet, dass ich es nicht trotzdem manchen empfehlen würde. Das Studium: Mir ist in den Bewertungen auf dieser Seite aufgefallen, dass hauptsächlich Studierende aus den unteren Semestern Bewertungen abgeben und ich viele Aussagen definitiv nicht unterstützen kann. An der Med Uni Graz gibt es ein Modulsystem, was bedeutet, dass man ca. 4-6 Wochen Vorlesungen und Seminare zu einem Fachgebiet hat und danach direkt die Prüfung schreibt. Die Idee hinter dem Modulsystem hat mir am Anfang sehr gefallen, weil man vermutlich so über das Semester etwas frequentierter lernt, als unsere deutschen Kollegen das tun. ABER: Sobald man in die Klinik kommt, werden einem schnell bewusst, dass die MUG bei den Modulen massive Mängel aufweist. Man bekommt klinische Inhalte nur noch unvollständig in diesen 4-Wochen Blöcken serviert, auch zentrale Fächer, wie die gesamte Innere Medizin oder Chirurgie müssen innerhalb von zwei Monaten gelernt werden (weil danach kommen diese Fächer nie wieder). Vorklinik: Die Vorklinik ist sicher der bessere Studienteil, was die Inhalte anbelangt. Die Angstprüfung Naturwissenschaften und Patho sind recht schwer, aber nicht vergleichbar mit dem Aufwand, den man in Deutschland zum Beispiel für das Physikum aufbringen müsste. Ich habe hier übrigens gelesen, dass in Naturwissenschaften nur die Basics gelehrt werden und die Leute sich nicht beschweren sollen, weil diese Dinge essenziell für das Verständnis von Erkrankungen ist und die Med Uni Graz hier ein gutes Gleichgewicht schaffen würde - wie gesagt, ich kann nur meine eigenen Erfahrungen hier einfließen lassen, und widerlegen die obere Aussage in allen Punkten. Der klinische Bezug war im Nachhinein nur selten gegeben, die Stoffmenge unverhältnismäßig. Die physiologischen Fächer damals waren leider nicht sehr gut gemacht (lag aber an den Profs). Und im letzten Semester muss man dann auf einmal die gesamte Pharmazie, Pathologie und Pathophysiologie lernen. Diese Fächer sind eigentlich sehr gut an der MUG, die Inhalte stimmen und mal krass für Prüfungen zu büffeln ist für mich auch kein negativer Punkt - man hätte aber diese Fächer aber ohne weiteres auf ein Jahr ausstrecken können. Dann wurde zu meiner Zeit die Anatomie noch ziemlich angepriesen (war mit der Thiel Konservierung und dem alten Chef sogar renommiert), was auch berechtigt war. Seither hat sich in der Chefetage aber einiges getan, Tutoren wurden gekündigt und leider haben die guten Profs daraufhin gekündigt und wurden gefeuert - der Grund waren Einsparung an der Lehre (also wir müssen es wieder ausbaden). Klinik: Wie schon kurz erwähnt, priorisiert die MUG meines Erachtens vor allem die klinischen Fächer gelinde ausgedrückt "fraglich". Nach dem Chirurgie Modul (und das ist jetzt eine Kollektivmeinung) hat man wirklich nichts gelernt. Innere Medizin wird einem mangelhaft beigebracht. Wir waren in den gesamten drei Jahren vielleicht gerade mal eine Woche am Unispital und haben praktische Übungen gemacht - die Zeit, die man als Student direkt am Patientenbett verbringt und ungelogen in Summe ca. so lang wie zwei Halbzeiten eines Fußballspiels :D. Meines Erachtens wichtige Fähigkeiten, wie Thoraxröntgen befunden, EKG lesen oder BGAs bewerten, lernt man nicht (die Lehrinhalte gibt es schon, aber man lernt nur Theorie). Jetzt werden vielleicht einige sagen "Ja, ist das woanders denn besser". Die Antwort ist ganz klar ja, in den USA, UK, Frankreich zumindest sind die Studenten richtig gut, weil sie eben genau dort solche Sachen regelmäßig im Studium üben. Im deutschsprachigen Raum sind andere Universitäten aber vermutlich nicht besser als die MUG. Prüfungen: Prinzipiell Multiple-Choice-Prüfungen (teils auch mündlich z.b. Anatomie). Die Konsequenz aus den kurzen Modulblöcken und dem Multiple Choice Format ist, dass man Prüfungen nur mittels Altfragen ordentlich bestehen kann. Der Vorteil ist aber, dass die Prüfungen hauptsächlich nicht sehr schwer sind und man die meisten mit einer Woche Vorbereitung direkt besteht. Prinzipiell hat man dadurch folgende Möglichkeiten: Man lernt wirklich nur das, was die Universität von einem verlangt und schreibt exzellente Noten -> Die Konsequenz ist aber, dass man praktisch nicht viel kann, das theoretische Wissen nicht anwenden kann (weil Multiple-Choice-Tests nun mal nicht reale Problemstellungen repräsentieren können) und vor allem - und das ist ein signifikantes Problem der MUG - die Basics nicht beherrscht. Der Vorteil, man hat ein sehr entspanntes Studium, mit viel Freizeit die man gut genießen kann. Daher noch Option 2: man hat die Ambitionen aus dem Studium zu kommen, und manche Dinge wirklich gut zu beherrschen? Dann hat man genug Zeit, sich selbst hinzusetzen und 80% des Lernaufwands für Dinge zu verwenden, die einen selber interessieren oder wichtiger sind. Ich selber habe bspw. nebenher angefangen an der Uni in einem Forschungsteam zu arbeiten, mich in manche Fachgebiete über drei Jahre sehr tief einzulesen und praktische Fähigkeiten zu üben. Die MUG besitzt eine "Fake" Station, in der man als Student alles üben kann, was man so im KPJ braucht - das ist wirklich cool und kann man immer nutzen (aber mit echten Patienten oder Krankheitsbildern kommt man eben dann doch nicht in Kontakt) Ausland: Die MUG gibt einem sehr viele Möglichkeiten ins Ausland zu gehen (ERASMUS, Famulaturen, KPJ). Das ist zwar mit teilweise extremen Organisationsaufwand, Frust und verbitterten Sekretärinnen verbunden, aber sind wir ehrlich, das ist an jeder Uni so. Ein großes Plus hat die Uni beim Stipendien-Angebot zu verbuchen - es gibt Geld für ERASMUS, Diplomarbeit, KPJ. Ein Punkt am Rande: Österreich hat seit Jahren das Problem, dass viele nach dem Studium nach Deutschland oder in die Schweiz gehen. Daher versucht die MUG mit organisatorischen Hürden, die Leute im Land zu behalten und Auslandsaufenthalte schwerer zu machen (z.b. 8-seitiges Learning Agreement auf Englisch von drei Parteien unterschrieben, wenn man in Deutschland eine 1-wöchige Famulatur machen will). Das ist aber alles machbar. In beliebtere Länder, wie UK, Skandinavien oder die USA hat die MUG leider kaum oder keine Partner Unis, was man aber durch Selbstorganisation alles gut hinbekommen kann. Fazit: Würde ich also das Studium empfehlen? In erster Linie nicht ABER es kommt drauf an, was du dir vom Studium erwartest. Man muss wirklich betonen, dass du hier einen vollwertigen in Europa anerkannten Studienabschluss erhältst. Graz ist zudem eine coole kleine Stadt die im Sommer viel zu bieten hat (die Winter sind hier vielleicht manchmal etwas langweilig, aber ihr seids Studenten, also macht Hauspartys). Wenn du also z.b. aus Deutschland kommst und dort keinen Studienplatz erhältst oder dich in Österreich wohlfühlst und hier später arbeiten möchtest, dann kann ich dir das Studium schon empfehlen. Es ist auch empfehlenswert, weil du kaum woanders chilliger Medizin studieren kannst. Wenn du in der Lage bist, dich selbst hinzusetzen und diszipliniert außerhalb der Uni Stoff zu lernen und dir die Sachen selber beizubringen, kannst du auch in Graz in akzeptabler Arzt direkt nach deinem Studium sein - es besteht aber wirklich die Gefahr, dass du in Famulaturen und im PJ große Lücken im Vergleich zu Studenten anderer Unis bemerken wirst. Wenn du aber die Wahl hast an anderen Universitäten zu studieren, du an eine renommierte Universität möchtest, dir eine gute Ausbildung durch die Universität mit guten Profs und sinnigen Lehrinhalten und auch später an einem renommierten Krankenhaus arbeiten möchtest, dann kann ich dir von Graz abraten. Der letzte Punkt mit dem Krankenhaus ist natürlich eher wieder von dir abhängig, die MUG kennt aber im internationalen Ausland wirklich niemand oder wenn doch, hab ich bis jetzt immer von schlechten Erfahrungen mit Grazer Studenten gehört. Fazit nach dem Fazit: Die Med Uni Graz preist sich damit an, dass die zu den Top 30 Unis weltweit gehört (zumindest bei den Newcomer Unis). Wenn ihr euch die Rankings genauer anschaut, dann sieht man, was der eigentliche Fokus der MUG ist: Anzahl publizierter Papers und Umsatz liegen im weltweiten Vergleich mit an der Spitze. Lehre dagegen weit hinter europäischem Durchschnitt, da reiht sich die MUG bei irgendwelchen Unis in Zentralrussland ein (was natürlich nichts heißen muss). Generell hab ich aber aus erster Hand die Erfahrung gemacht, das die MUG an der Lehre spart um mehr zu Publizieren, dann aber nicht gut publiziert, weil sie weder den Ruf noch die Mittel hat renommierte Forscher, Ärzte oder Profs einzustellen.

Pro: Stipendien, Lernaufwand, Auslandsmöglichkeiten

Kontra: kein praktisches Studium, schlechte Priorisierung Lehrinhalte, schlechte Organisation, kaum gute Profs, Studentenjob Angebot ist quasi nicht verfügbar

Benjamin (26-30)

Karrierestufe: Berufseinsteiger

Humanmedizin

Medizinische Universität Graz

Abschluss: Ja

Studienbeginn: 2016

Weiterempfehlung: Nein

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Aktuelle Bewertungen des Lehrgangs

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